Die nationale Wanderausstellung «VERSORGT. VERDINGT. VERGESSEN?» des Bundesamts für Justiz beleuchtet die Realität fürsorgerisch begründeter Zwangsmassnahmen in der Schweiz. Das Thema hat hunderttausende Menschen in der Schweiz geprägt. Im Zentrum stehen die Stimmen der Betroffenen, die ihre Geschichten erzählen. Der lokale Ausstellungsteil «Weisst du, wer hier gelebt hat?» erzählt die bewegte Geschichte des heutigen Museumsgebäudes am Kasernenplatz, einst Waisen- und Arbeitshaus an der Baselstrasse. In diesem Haus lebten auch Kinder, die aus unterschiedlichen Gründen von den Behörden fremdplatziert wurden. Eine Brücke zur Gegenwart schlagen heutige Stimmen von der Kinder- und Jugendsiedlung Utenberg, einer Pflegefamilie, der KESB und dem Verein Careleaver.

Fotos: Gabriel Ammon & Emanuel Ammon / AURA

Weitere lokale Bezüge schafft die thematische Sammlung «Fürsorge und Zwang im Kanton Luzern» mit Stimmen von Betroffenen, Querbezügen zu bereits bestehenden Geschichten und Beiträgen zu einzelnen Schauplätzen. In den Beiträgen ehemaliger Verdingkinder zeigt sich ein Alltag, in dem sich die Kinder ihre Existenz auf dem Bauernhof durch harte und gefährliche Arbeit verdienen mussten – und von kleinen Akten des Widerstands. Die Geschichten erzählen von der Realität administrativer Versorgungen und deren gesellschaftlichem Zweck, z. B. die Geschichte zur Zwangsarbeitsanstalt Sedelhof-Seehof. Sie offenbaren aber auch das bereits Mitte des 19. Jahrhunderts bestehende Bewusstsein für die Unverträglichkeit dieser Praxis mit modernen rechtsstaatlichen Prinzipien. Andere Beiträge thematisieren den sich wandelnden Stellenwert von Arbeit bei der Erziehung in Kinderheimen oder die Rolle der Pro-Juventute-Briefmarken beim Projekt «Kinder der Landstrasse».

Luzern erzählt erlaubt Beiträge unterschiedlicher Länge und unterstützt Texte, Audios und Videos. Diese Geschichtensammlung bietet Betroffenen oder Interessierten eine niederschwellige Möglichkeit zur Veröffentlichung eigener anekdotischer Geschichten, Einordnungen oder auch längerer Beiträge. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit soll ein Panorama des Systems fürsorgerischer Zwangsmassnahmen im Kanton Luzern entstehen, das ein breites soziales Phänomen darstellte. Durch den räumlichen Bezug wird das Vergangene fassbarer. Im besten Fall trägt die Geschichtensammlung dazu bei, Gespräche über dieses vielerorts noch immer tabuisierte Thema anzuregen und das Bewusstsein dafür zu schärfen.

Die thematische Sammlung «Fürsorge und Zwang im Kanton Luzern» auf der digitalen Geschichtenkarte finden Sie hier.

Zwangsarbeitsanstalt Sedelhof-Seehof 

«Bei der Arbeit darf nur was nothwendig, beim Essen und in den Schlafräumen gar nicht gesprochen werden». So heisst es in einer der vielen Bestimmungen der Hausordnung der Zwangsarbeitsanstalt Sedel. Von 1886 bis 1959 wurden hier sogenannte «Arbeitsscheue» und «Liederliche» eingesperrt, um sie – so der entsprechende kantonale Gesetzestext – «durch strenge Arbeit und bessernde Zucht wieder an ein thätiges und ehrbares Leben zu gewöhnen». Diese administrativen «Versorgungen» im Sedel fanden ohne Gerichtsurteil und Rekursmöglichkeit statt und setzten keine Straftat voraus.

Betroffene dieser Massnahmen waren Angehörige der Unterschicht, insbesondere solche, die hinsichtlich Lebenswandel oder Sexualität nicht den bürgerlichen Moralvorstellungen entsprachen. Die kaum näher definierten Internierungsgründe wie Arbeitsscheu oder Liederlichkeit entsprachen einem moralisierenden Verständnis von Armut. Sie liessen viel Spielraum für Willkür und erfüllten den ordnungspolitischen Zweck der Disziplinierung der Unterschicht sowie der Stabilisierung der Geschlechterordnung.

Bild: Staatsarchiv Luzern, AKT 48/1818.8

Die nationale Wanderausstellung «VERSORGT. VERDINGT. VERGESSEN?» ist vom 14. Mai bis 23. Oktober 2026 im Haus Kasernenplatz zu sehen. Sie wurde von expositionen (Kuration: Detlef Vögeli) und ZMIK (Szenografie) im Auftrag des Bundesamtes für Justiz realisiert und ist Teil des Programms «erinnern für morgen».