Fürsorge und Zwang
Neu auf der digitalen Geschichtenkarte
von Michael Wirth

Screenshot der Geschichtenkarte Museum Luzern
Die Geschichtensammlung Luzern erzählt begleitet das Programm von Museum Luzern und lässt die Bevölkerung zu Wort kommen: In über 250 auf einer digitalen Karte gesammelten Beiträgen erzählen Luzernerinnen und Luzerner die Kultur- und Naturgeschichte des Kantons – als Mosaik aus individuellen Erinnerungen, Begebenheiten, Alltagserfahrungen und Ergebnissen eigener Forschung. Die Geschichten ergänzen die vermittelten Inhalte von Ausstellungen oder aktuellen Themen. Parallel zur Ausstellung «VERSORGT. VERDINGT. VERGESSEN?» erweitert Museum Luzern laufend die thematische Sammlung «Fürsorge und Zwang im Kanton Luzern».
Die nationale Wanderausstellung «VERSORGT. VERDINGT. VERGESSEN?» des Bundesamts für Justiz beleuchtet die Realität fürsorgerisch begründeter Zwangsmassnahmen in der Schweiz. Das Thema hat hunderttausende Menschen in der Schweiz geprägt. Im Zentrum stehen die Stimmen der Betroffenen, die ihre Geschichten erzählen. Der lokale Ausstellungsteil «Weisst du, wer hier gelebt hat?» erzählt die bewegte Geschichte des heutigen Museumsgebäudes am Kasernenplatz, einst Waisen- und Arbeitshaus an der Baselstrasse. In diesem Haus lebten auch Kinder, die aus unterschiedlichen Gründen von den Behörden fremdplatziert wurden. Eine Brücke zur Gegenwart schlagen heutige Stimmen von der Kinder- und Jugendsiedlung Utenberg, einer Pflegefamilie, der KESB und dem Verein Careleaver.
Fotos: Gabriel Ammon & Emanuel Ammon / AURA
Weitere lokale Bezüge schafft die thematische Sammlung «Fürsorge und Zwang im Kanton Luzern» mit Stimmen von Betroffenen, Querbezügen zu bereits bestehenden Geschichten und Beiträgen zu einzelnen Schauplätzen. In den Beiträgen ehemaliger Verdingkinder zeigt sich ein Alltag, in dem sich die Kinder ihre Existenz auf dem Bauernhof durch harte und gefährliche Arbeit verdienen mussten – und von kleinen Akten des Widerstands. Die Geschichten erzählen von der Realität administrativer Versorgungen und deren gesellschaftlichem Zweck, z. B. die Geschichte zur Zwangsarbeitsanstalt Sedelhof-Seehof. Sie offenbaren aber auch das bereits Mitte des 19. Jahrhunderts bestehende Bewusstsein für die Unverträglichkeit dieser Praxis mit modernen rechtsstaatlichen Prinzipien. Andere Beiträge thematisieren den sich wandelnden Stellenwert von Arbeit bei der Erziehung in Kinderheimen oder die Rolle der Pro-Juventute-Briefmarken beim Projekt «Kinder der Landstrasse».
Luzern erzählt erlaubt Beiträge unterschiedlicher Länge und unterstützt Texte, Audios und Videos. Diese Geschichtensammlung bietet Betroffenen oder Interessierten eine niederschwellige Möglichkeit zur Veröffentlichung eigener anekdotischer Geschichten, Einordnungen oder auch längerer Beiträge. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit soll ein Panorama des Systems fürsorgerischer Zwangsmassnahmen im Kanton Luzern entstehen, das ein breites soziales Phänomen darstellte. Durch den räumlichen Bezug wird das Vergangene fassbarer. Im besten Fall trägt die Geschichtensammlung dazu bei, Gespräche über dieses vielerorts noch immer tabuisierte Thema anzuregen und das Bewusstsein dafür zu schärfen.
Die thematische Sammlung «Fürsorge und Zwang im Kanton Luzern» auf der digitalen Geschichtenkarte finden Sie hier.
Die nationale Wanderausstellung «VERSORGT. VERDINGT. VERGESSEN?» ist vom 14. Mai bis 23. Oktober 2026 im Haus Kasernenplatz zu sehen. Sie wurde von expositionen (Kuration: Detlef Vögeli) und ZMIK (Szenografie) im Auftrag des Bundesamtes für Justiz realisiert und ist Teil des Programms «erinnern für morgen».